Pink Floyd , das 1965 von vier Schulfreunden in Cambridge, England, gegründete Schrittmacher-Quartett des elektronischen Rock, bestanden zunächst aus dem Sänger und Leadgitarristen Syd Barrett (geboren am 6. Januar 1946 in Cambridge), dem Baßgitarristen und Sänger Roger Waters (geboren am 6. September 1944 in Great Bookham), dem Pianisten und Organisten Rick Wright (geboren am 28. Juli 1945 in London) und dem Schlagzeuger Nick Mason (geboren am 27. Januar 1945 in Birmingham). 1968 wurde Barretts Part von David Gilmour (geboren am 6. März 1944 in Cambridge) übernommen. Anders als die meisten Rockbands, die ihren Gitarrenverstärkern in der Regel nur simples Rückkopplungsgeheul entlockten, erschlossen Pink Floyd - drei von ihnen hatten am Londoner Polytechnikum studiert - das ganze Arsenal elektronischer Sinustöne und Sägezahnklänge für die Popmusik. Mit den Science-fiction-Hörbildern ihrer Stücke A Saucerful Of Secrets, Set The Controls For The Heart Of The Sun, Astronomy Dominé und Interstellar Overdrive, zu denen sie im Londoner UFO-Club phantastische Lichtshows zelebrierten, "rockten und rollten" sie 1967/68 "in eine neue Musizier-Epoche" ("The Observer". Wo sie ihren sogenannten AzimuthKoordinator aufstellten, schrien Möwen, plätscherte Wasser, ratterten Maschinengewehre, dröhnten Düsenflugzeuge, explodierten Bomben: Mit dem komplizierten, siebenkanaligen 360-Grad-Misch- und Steuersystem ließen sich all diese Geräusche von Tonbändern einspielen oder instrumental imitieren. Durch Lautsprecher, die an allen vier Seiten der Konzertsäle angebracht waren, ermöglichte der Koordinator raffinierte Echowirkungen und einen vollendeten Quadro-Raumeindruck. Die Musik, empfand der Kritiker Tony Palmer, "scheint von deinem Nebenmann, von der Decke, von unter dem Sitz zu kommen, manchmal sogar aus deinem eigenen Gehirn". Das Jazzmagazin "Down Beat" in den USA bewunderte die "superbe Kontrolle der Strukturen und Effekte"; die "New York Times" lobte "eine Lebendigkeit, der klassische Elektronikwerke oft ermangeln". Die Anerkennung aus dem E-Musik-Lager und aus den internationalen Feuilletons verführte die Gruppe jedoch bald zu eklektizistischen Imitationen seriöser Konzertmusik und zur Gigantomanie. Die Dominantseptakkord-Reihen aus Bachs g-Moll-Präludium, mit mulmigem Schwellorgelklang intoniert, kehrten in ihren Stücken fortan häufig wieder. Mit dem aufwendigen Chor- und Orchesterwerk Atom Heart Mother gelang ihnen nur mehr "eine substanzlose Melange" aus Aaas und Ooos, aus Yeah und Sasasasa - "im Ganzen schmalzig und ein wenig schal" ("Rolling Stone". Spielfilme wie Antonionis "Zabriskie Point" und eine amerikanische Cartoon-Fernsehreihe waren mit dem Sphärengetön vortrefflich zu untermalen. Ihren größten Kommerzerfolg lancierten Pink Floyd 1973 mit dem "Rock-Meisterwerk" (Irwin Stambler) Dark Side Of The Moon, einem düsteren Tongemälde über die Pressionen des Alltagslebens und die Reaktionen darauf: Entfremdung, Verdrängung, Schizophrenie. Alle Texte stammten von Waters. Für die instrumentalen Überleitungen zwischen den Songs kamen alle Sound-Experimente aus den vorausgegangenen LPs Meddle (1971), Obscured By Clouds (1972) konzentriert zur Anwendung. 1980 brach die LP den vorherigen Rekord von Carole Kings Tapestry als Longseller (302 Wochen) in den Billboard-Charts. Nach 15 Jahren wurde die LP unter den Top 100 immer noch geführt - 1988 in der 700. Woche. Bis 1994 war sie 13millionenmal verkauft worden. Die Gigantomanie auf den Bühnen der Dark Side sowie die auf den folgenden LPs Wish You Were Here (1975) und Animals (1977) begleitenden Tourneen wurde eher noch größer. Riesige Puppenmonstren überragten die Bühnen von Open Air-Stadien mit Kapazitäten von 40000 bis 50000 Besuchern. Filmprojektionen umrahmten die Bühnenaktion in geschlossenen Hallen. 1979 gelang den Musikern - Gilmour und Wright hatten inzwischen ihre ersten Solo-LPs veröffentlicht - mit The Wall ein weiterer großer Wurf. Thema blieb die Isoliertheit und Bedeutungslosigkeit des (jungen) Menschen in der Massengesellschaft: "Nur ein weiterer Stein in der Mauer." Obgleich die Single Another Brick In The Wall von Rundfunksendern wie der BBC boykottiert wurde, etablierte sie sich als erste kleine Platte der Gruppe beiderseits des Atlantik auf Platz eins. Die LP belegte 15 Wochen lang die erste Chartsposition und wurde in dieser Zeit mehr als achtmillionenmal verkauft. Auflage 1995: zehn Millionen. Für Konzerte mit The Wall schwoll der Bühnenaufwand nach den Wünschen der Musiker derart an, daß die volle Show nur in London, New York, Los Angeles und Dortmund gezeigt werden konnte. Über die ganze Bühnenbreite wurde eine Mauer errichtet, die auf dem Höhepunkt des Geschehens in sich zusammenfiel. Das Spektakel hatte 1982 Alan Parker verfilmt. Inzwischen waren zwischen den Musikern Spannungen gewachsen. Nach der Veröffentlichung von A Collection Of Great Dance Songs (1981) verließ Rick Wright die Band. Roger Waters nahm mit den beiden anderen Ensemblemitgliedern noch The Final Cut (1983) auf und ging dann ebenfalls auf Solokarriere. Doch der "letzte Schnitt" war noch keineswegs gemacht. Gilmour und Mason beschlossen, Pink Floyd wiederzubeleben, und noch während des Produktionsprozesses für A Momentary Lapse Of Reason (1987) schloß sich ihnen Wright wieder an. Vergeblich versuchte der im Konzertsaal nur mäßig erfolgreiche Waters, dem Trio die Verwendung des Namens Pink Floyd verbieten zu lassen. Gilmour hatte sich längst zum Chef aufgeschwungen und sprach von Waters gegenüber der Presse nur als von "dieser Person". Die Konzerte der Gruppe zwischen 1987 und 1989 erzielten neue Besucherrekorde in noch mehr Ländern. In der Moskauer Olympiahalle hörten im Juni 1989 30000 Sowjetbürger Pink Floyd. Nach Venedig pilgerten wenige Tage danach 200000. Doch so bereitwillig sich die Fans in die lustvolle Elektronik-Emigration säuseln und donnern ließen, so wenig Gefallen fanden die meisten Kritiker daran. "Die Vernunft ist mit Pink Floyd auf Dauer ausgefallen", schrieb "Die Zeit" über A Momentary Lapse Of Reason.

"Der Schaden, den die Propheten der selbstzufriedenen Nichtigkeit in der Musik und in den Köpfen ihrer Hörer über die Jahre angerichtet haben, ist vermutlich nicht wiedergutzumachen."

Nachdem Ende 1989 die Berliner Mauer, Grenzbefestigung der kommunistischen DDR, unter dem Druck mächtiger Massendemonstrationen niedergebrochen war, kam Roger Waters auf den kommerziell stichhaltigen Gedanken, auch seine eigene "Wall" auf dem historischen Terrain des Todesstreifens am Potsdamer Platz in Berlin publikumswirksam noch einmal einstürzen zu lassen. Für 15 Millionen Mark Produktionskosten bot der Pink Floyd-Renegat am 21. Juli 1990 eine All-Star Cast aus Bryan Adams, The Band, Van Morrison, Joni Mitchell, Sinéad O'Connor, Marianne Faithfull, Cindy Lauper, den Scorpions und anderen für nach Polizeiangaben 320000 Besucher auf. Diese "wohnten einem technischen Overkill bei - mit Schweinen aus dem Weltall, einer haushohen Lehrerfratze mit Scheinwerfer-Augen, Militäraufmärschen, aufgeblasenen Multimedia-Effekten und einer kongenialen Sound-Orgie", notierte der "Stern", der das Ereignis als "Monument des Größen-Wahns" qualifizierte. Dabei war es nicht nur künstlerisch, sondern auch technisch und organisatorisch ein Desaster. Kritiker Uwe Golz in der "Berliner Morgenpost": "Für die Mehrzahl der "Wall"-Besucher gestaltete sich diese wagnerianische Veranstaltung zu einer Qual. Die Musiker, Ameisen gleich und genauso groß, tummelten sich auf einer nur erahnbaren Bühne, Videoschirme verwirrten ob ihres schnellen Bildes (die Musik kam verzögert), die zahlreichen Einspielungen und Projektionen auf einer kreisrunden Leinwand und der stetig wachsenden Mauer machten das Sinnlabyrinth komplett."

Es wurde weltweit live im Fernsehen übertragen. Kritiker Dietrich Leder, der das Ereignis im ZDF-Kanal auf dem Bildschirm verfolgte, im Branchendienst "Funk-Korrespondenz": "Das Urteil nach den ersten Minuten konnte schlimmer nicht ausfallen: Idee, Konzept, Dramaturgie und Musik von
The Wall erwiesen sich als grauenhaft schlecht. Das ZDF trieb einen immensen Aufwand, um mit diversen Kameras die Aktivitäten auf der Bühne aus immer neuen Perspektiven wiederzugeben. Der gelangweilte Zuschauer nahm nur geschäftige Betriebsamkeit wahr."

Immerhin erzielte die Ausstrahlung auch noch in globaler Entfernung den gewünschten Effekt: Das Original-Doppelalbum von
The Wall aus dem Jahr 1979 rutschte noch einmal in die Charts (UK 52, USA 120), die brandneue Konserve The Wall - Berlin 1990 plazierte sich schon im September 1990, zwei Monate nach dem Ereignis, im United Kingdom auf Nr. 27, auf Nr. 56 in den USA. Darüber konnte sich auch David Gilmour freuen, der Waters' Berliner Wall ansonsten für "schrecklich" hielt. Über das nächste Pink Floyd-Album "The Division Bell", das mit seinem Erscheinen Ende April 1994 sofort auf Platz eins in die US-Charts einrückte, urteilte "Der Spiegel": "Was Rick Wright an den Tasteninstrumenten leistet und Nick Mason am Schlagzeug, ist nicht erinnernswert. Gitarrist David Gilmour, der im Konzert so ergreifend ins Leere gucken kann wie O.W. Fischer als Bayernkönig Ludwig II., hat offenbar auch die letzten kreativen Impulse eingebüßt."

Gleichwohl besuchten mehr als drei Millionen Amerikaner die 59 Konzerte der "Division Bell"-Materialschlacht, davon 52 Konzerte ausverkauft, und gaben 103,7 Millionen Dollar für Tickets aus. Für die anschließende Europa-Tournee, 42 Shows in 16 Ländern, schloß die Truppe einen lukrativen Sponsoringvertrag mit dem Volkswagenwerk, den ein VW-Sprecher ohne Angabe des finanziellen Volumens bejubelte: "Wir haben eine interaktive Methode der Kommunikation mit den Kunden gefunden." Die Autofirma lieferte eine Pink Floyd-Sonderauflage ihres Modells Golf als Limousine und Cabrio. Die 48 Sattelschlepper, die 700 Tonnen Stahl für die Bühnenkonstruktion, 300 Lautsprecherboxen und eine gigantische Licht- und Laser-Maschinerie durch Europa schipperten, führten auch VW-Transparente mit. Das Stück
Marooned von der LP Division Bell wurde im März 1995 als beste Rock-Instrumentalaufnahme mit einem Grammy ausgezeichnet - für Gilmour ein amüsanter Nebeneffekt. Wichtiger war, daß auch die Live-LP Pulse (1995) von der Tournee in England und den Vereinigten Staaten sofort auf Platz eins in die Charts rückte und sich allein in den USA binnen sechs Wochen zweimillionenmal verkaufte. Zwar räumte der Gitarrist im Sommer 1995 in einem "Spiegel"-Gespräch ein, er betrachte "die Menge Geld, die wir verdienen, als obszön", relativierte aber sogleich: "Wenn man es mit dem vergleicht, was irgendwelche Bosse irgendwelcher Konzerne verdienen, dann meine ich schon, daß mir meine Millionen eher zustehen als denen. Ich habe schließlich der Welt mehr Freude bereitet als Unilever."

Als 1994 The Division Bell bei der "New York Times" zur Besprechung anstand und keiner der renommierten Musikredakteure diesen langweiligen Job übernehmen wollte, lieh sich das Blatt Dimitri Ehrlich vom Magazin "Interview" als Rezensenten aus. "Stilistisch", schrieb er, "hätte dieses Album auch schon vor 15 Jahren aufgenommen sein können, was die Würde dieser Musik allerdings in keiner Weise mindert. Man kann der Band nicht vorwerfen, sie sei retro. Pink Floyd haben diesen Stil ja schließlich erfunden."

Soll sein. Aber bei allem High-Tech-Aufwand konnten sie nicht darüber hinwegtäuschen, daß ihnen mit der Bewältigung der Elektronik keine zeitgemäße Ästhetik gelungen war. Aufs Ganze gesehen, klang die Pink Floyd-Musik kaum anders, als wenn man eine Violinsonate aus dem 19. Jahrhundert auf der Hammondorgel spielte. Im Februar 2000 schätzten Josef Winkler und Arno Frank im deutschen "Rolling Stone" die Band, die 1996 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen worden war, nur mehr als "Institution gepflegt-langweiligen Bombast-Entertainments" ein, "für die der Markenname Pink Floyd seit 13 Jahren steht". Der Rest war wirklich retro. Anfang 2000 erschienen als Re-issue Wish You Were Here - 25th Anniversary Issue sowie das Doppelalbum Is There Anybody Out There? - The Wall Live 1980-81 mit bis dahin unveröffentlichten Live-Mitschnitten sowie zwei Stücken, die auf der Wall-LP von 1997/80 nicht zu hören waren: What Shall We Do Now? und The Last Few Bricks. Zwei unveröffentlichte Aufnahmen der frühen Pink Floyd, Nick's Boogie und ein Alternative-Take von
Interstellar Overdrive, kamen im Sampler In London 1966-67 (2000) der Firma See for Miles in den Handel. Roger Waters ging 1999 nach zwölf Jahren erstmals wieder auf eine USA-Tournee und führte in kleinen Hallen neben weniger bekannten Solonummern auch die alten Pink Floyd-Heuler auf. Mitschnitte aus Phoenix, Las Vegas, Irvine und Portland mit Andy Wallace (kb), Snowy White (g), Andy Fairweather-Low (g) erschienen im Doppelalbum In The Flesh (2000) - aus purer Geldschneiderei, vermutete Birgit Fuß in "Rolling Stone": "Neu interpretiert wird jedenfalls nichts, dem alten nichts hinzugefügt. Warum muß immer und immer wieder diese Band ausgeschlachtet werden, bis sie irgendwann jeder haßt?" Derlei wollte sich Roger Waters nicht zweimal fragen lassen. 2001 vollendete er die Partitur der Oper "Ca Ira" nach einem Libretto des französischen Autors Etienne Roda-Gil für die Sänger Ying Huang (Sopran), Paul Groves (Tenor), Bryan Terfel (Bariton) und schwärmte: "Ins Studio zu treten, zuzuschauen, wie die Musiker ihre Instrumente auspacken und mit dem Stimmen beginnen - es ist jedesmal wieder großartig. Wenn 85 menschliche Wesen zusammen die Luft massieren, dann geschieht etwas mit dir. Das ist nicht wie mit dem Computer, der diese Klänge theoretisch auch produzieren kann."

So könnte es denn sein, daß Roger Waters immer schon die große Oper im Kopf hatte und daß sich der Riesenerfolg von Pink Floyd beim Rock-Publikum im nachhinein als ein gigantisches Mißverständnis entpuppt.