Led Zeppelin , Ende 1968 in London gegründet, stiegen ohne wesentliche Unterstützung durch die Massenmedien und mit nur zwei gegen den Willen der Musiker aus LPs ausgekoppelten Single-Platten (Whole Lotta Love, Immigrant Song) in die Gruppe der Rock-Spitzenverdiener auf. Nach ihrer ersten USA-Tournee im Februar/März 1969, auf der sie sich noch mit 750 Dollar Abendgage begnügen mußten, konnten die Heavy Rocker bis zu 75000 Dollar für ein Konzert kassieren. Ihre ersten vier Alben, jedes über zweimillionenmal verkauft, trugen ihnen Platin-Trophäen ein; allein die Autoren-Tantiemen waren mittlerweile in Dollar siebenstellig. "Absicht der Gruppe ist es", schrieb "Time" 1970, "alle Stile und Techniken des heutigen Rock-Spektrums auszubeuten, ohne dessen harten Kern eines direkten Gefühlsausdrucks zu verfehlen."

Tatsächlich verstand es der Gitarrist Jimmy Page vortrefflich, seinen mit Hilfe eines Ringmodulators, einer mit dem Geigenbogen bearbeiteten Gitarre und mehrfachen Echohalls erzeugten Experimentier-Sound mit dem erotischen Show-Exhibitionismus des Sängers Robert Plant in Einklang zu bringen. "Quetsch mich, Baby", kreischte Plant beispielsweise im Lemon Song, "bis mir der Saft die Beine runterläuft" (Squeeze me, baby, till the juice runs down my leg). Der orgiastische Blues Rock, "in dem alle Frustrationen der Teens und angehenden Twens gespeichert sind" (Franz Schöler), war eine super-verstärkte Fortentwicklung des alten Yardbirds-Stils. Page (g, bg), am 9. Januar 1944 als Sohn des Personalchefs einer Industriefirma in Heston geboren, hatte (als Nachfolger von Eric Clapton, Jeff Beck) zuletzt diesem berühmten Ensemble angehört und galt daneben als einer der besten Session-Musiker Londons, der auch auf Platten von Donovan, Joe Cocker, Rolling Stones zu hören war. Den Baßgitarristen John Paul Jones, bürgerlich: John Baldwin (bg, kb), am 3. Januar 1946 geborener Sohn eines Big Band-Pianisten aus Sidcup, hatte Page bei der Produktion von Donovans Hurdy Gurdy Man kennengelernt. Sänger Robert Plant (voc, harm, bg), am 20. August 1948 geborener Ingenieurssohn aus West Bromwich, und Schlagzeuger John Bonham aus Redditch, geboren am 31. Mai 1948 als Sohn eines Zimmermanns, kamen von der Birminghamer Band Of Joy; Plant hatte auch schon bei Alexis Korner gesungen. Ihre musikalischen Leistungen fanden trotz aller Virtuosität nicht den Beifall versierter Rock-Kritiker. Don Heckman in der "New York Times": "Plants nasaler Blues-Stil übertreibt die schwarze Passion bis zur Belanglosigkeit von Plastik-Sex. Page ersetzt Einfälle durch mechanische Geläufigkeit und musikalische Klarheit durch plumpe Strukturen. Jones' Beiträge, die wohl bemerkenswertesten in der Gruppe, werden im Ensemblestil unangemessen überbetont."

Zur Zeit ihres fünften Albums (1973), mit dem sie aus ihren bisherigen Erfolgsmustern auszubrechen versuchten, wurde ihre beschränkte Kreativität auch wohlmeinenden Kritikern klar. Franz Schöler in der "Zeit": "Ein Song ist nur noch dazu da, um instrumentales Können zu beweisen. Das konsternierte Publikum begreift, daß hier Rockmusik nur noch ein Ego-Trip ist."

Wie viele erfolgreiche Bands hatten auch Led Zeppelin 1974 ein eigenes Plattenlabel mit dem Namen Swan Song gegründet. In der kommerziell unergiebigen Konzertsaison 1974/75, in der die US-Tourneeumsätze um mehr als ein Drittel zurückgingen, konnten die vier Musiker mit ausverkauften Hallen ihren Ruf als Rock-Moneymaker festigen. In London verkauften sie das Stadion Earl's Court mit 20000 Plätzen fünfmal hintereinander aus. 1975 legten sich aber auch düstere Schatten über die Band. Auf der griechischen Insel Rhodos erlitt Plant mit seiner Familie am 4. August einen schweren Autounfall und wurde lebensgefährlich verletzt. Zugleich machte das Gerücht von Schwarzer Magie und satanischen Praktiken der Led Zeppelin-Musiker in Fan-Kreisen die Runde. In der Juniausgabe 1975 der US-Zeitschrift "Crawdaddy" hatte Page im Gespräch mit dem Schriftsteller William Burroughs geäußert: "Im Led Zeppelin-Konzert ist das Ziel Energie bei den Spielern und beim Publikum. Um das zu erreichen, muß man die Quellen magischer Kraft anzapfen, so gefährlich das auch sein mag."

Page, der nebenbei in London eine okkultistische Buchhandlung betrieb, hatte das Haus Boleskin des einflußreichen, 1947 gestorbenen Magiers und Satanisten Aleister Crowley bezogen und komponierte 1975 Musik für Kenneth Angers unvollendeten Film "Lucifer Rising". Am 25. September 1980 starb Schlagzeuger Bonham in Pages Haus nach einer mystisch gemeinten Alkohol- und Drogen-Orgie an seinem Erbrochenen. Nur zwei Led Zeppelin-LPs erschienen in der zweiten Hälfte der Siebziger: Presence (1976) und
In Through The Out Door (1979). Nach Bonhams Tod veröffentlichte die Band eine kryptische Presseerklärung mit dem Tenor: "So können wir nicht weitermachen." 1982 erschienen vier LPs der aufgesplitteten Band: der Soundtrack zum beziehungsreich betitelten Film "Death Wish II" von Jimmy Page sowie dessen erste Solo-LP, Robert Plants Solo-Platte Pictures At Eleven sowie Coda, eine Sammlung alter Titel und Demos der Band. Pages Album Outrider (1988) exponierte als Gäste drei Vokalisten: John Miles, Chris Farlowe und den alten Kompagnon Robert Plant. Ein Plagiatsprozeß - Bluessänger Willie Dixon hatte allzu große Ähnlichkeiten von Whole Lotta Love mit seinem You Need Love eingeklagt - war inzwischen außergerichtlich beigelegt worden. Nachdem sich Led Zeppelin 1985 für das Live Aid-Konzert mit Phil Collins und Tony Thompson (dr) wiedervereinigt hatten, stieg für ein Reunion-Konzert zum 40. Jubiläum der Plattenfirma Atlantic am 14. Mai 1988 im New Yorker Madison Square Garden Johns Sohn Jason Bonham am Schlagzeug ein. Bonham jr., der mit seiner Heavy Metal-Band 1989 das Album The Disregard Of Timepicking herausbrachte, war im Mai 1990 Anlaß einer weiteren Zeppelin-Reunion: Er heiratete im Heath Hotel im englischen Bewdley nahe Kidderminster seine Jugendliebe Jan Charteris. Ein drittes Zusammentreffen der alten Band ergab sich im Januar 1995 in New York bei der Aufnahme von Led Zeppelin in die Rock and Roll Hall of Fame. Als sie im gleichen Monat bei der Verleihung der American Music Awards im Shrine Auditorium von Los Angeles für ihr Lebenswerk geehrt wurden, ließen sich Page und Plant mit dem Song Black Dog von London aus via Satellit zuschalten. Page hatte 1990 die nach seiner Meinung 26 besten Aufnahmen von Led Zeppelin überarbeitet im Album Remasters ediert und eine CD-Box mit 54 Titeln aus den Jahren 1968 bis 1978 vorgelegt. Seine Anfrage nach einem offiziellen Zeppelin-Comeback beantwortete Plant 1993: "Das ist nicht meine Idee von Ruhm: Männer gereiften Alters, die auf der Bühne herumhampeln und Black Dog spielen - einfach vulgär!" Als sich die beiden 1994 bei einem Memorial-Konzert für Alexis Korner im Buxton Opera House in Derby wiedertrafen, einigten sie sich auf eine Fortsetzung ihrer Kooperation mit anderen Mitteln. Für die "Unplugged"-Serie von MTV, ausgestrahlt am 12. Oktober 1994, wurde das 90-Minuten-Programm "Unledded" mit Charlie Jones (bg), Michael Lee (dr) aufgenommen, dessen Konzentrat auf der CD No Quarter in den Handel kam. "Die Arbeit war heikel wie bei einem geschiedenen Ehepaar", so TV-Producer Alex Coletti. "Die kleinste Irritation hätte alles ruinieren können." Doch das teure Programm, in London, Rabat, Marrakesch und in einem alten Schieferbruch in Wales aufgenommen, bescherte MTV mit "klassischem Zeppelin-Bombast" ("New York Times" die höchste "Unplugged"-Einschaltquote dieser Serie. Im Stück Kashmir spielten ein englisches und ein ägyptisches Streichorchester mit Gnawa-Trancemusikern, in The Battle Of Evermore zupfte Page zum indischen Gesang seiner Freundin Najma Akhtar eine überdimensionale Gitarre mit drei Hälsen, die er kaum umfassen konnte. "Das Duo nahm seine alten Songs und machte sie größer" ("New York Times", fügte aber auch acht neue Stücke hinzu. Das Ergebnis war künstlerisch ambivalent, wie fast alles bei Led Zeppelin, deren Album IV 1996 mit 16 Millionen Auflage nach Michael Jacksons Thriller (24 Millionen), Greatest Hits 1971-1975 der Eagles (22 Millionen) und Fleetwood Macs Rumours (17 Millionen) auf Platz vier der US-Umsatzstatistik lag; Ende 1997 lagen sie mit weltweit insgesamt 86 Millionen LPs auf dem zweiten Platz hinter den Beatles und vor US-Country-Superstar Garth Brooks. Das Album Encomium - A Tribute To Led Zeppelin (1995) mit Beiträgen zahlreicher Künstler der Neunziger wurde von den Lesern des US-"Rolling Stone" 1996 zum besten und gleichzeitig zum schlechtesten Tribute-Album des Jahres gewählt. Ansichtssache. Als Page und Plant Anfang 1998 mit Charlie Jones (bg), Michael Lee (dr) das Album Walking Into Clarksdale vorlegten, reagierte die Kritik geteilt wie eh und je. Während die "Times" die "Eleganz und schiere Vitalität" der Produktion pries und "Musikexpress" die "beste Led Zep-Platte seit dem titellosen vierten Album von 1971" hörte, schmetterte "Der Spiegel" die "zahmen Rocksongs" ab: "So sind die Helden, die einst die steilen Stufen in den Rockerhimmel besangen, nun als zickige Spaßvögel unterwegs auf der Treppe ins Rentnerparadies."

Nicht ganz. Jimmy Page ging 1999 mit den Black Crowes auf eine sensationell erfolgreiche USA-Tournee. Das im Oktober jenes Jahres im Greek Theatre von Los Angeles mitgeschnittene Doppelalbum Live At The Greek (2000) nahm nach Veröffentlichung im Internet auf Grund gewaltiger Fan-Nachfrage die Marke Steamhammer in den Katalog. Robert Plant, von den gigantischen Rock-Arenen ermüdet, stellte sich in England die halbprofessionelle Band Priory Of Brion zusammen und sang in kleinen Pubs Folk-Standards und Blues. Als Songschreiber von Led Zeppelin hatte er ausgesorgt. 1999 erlöste der Back-Katalog der Band 14,5 Millionen Pfund Tantiemen, etwa 50 Millionen Mark. Mit der Doppel-CD How The West Was Won (2003), die zwei Konzerte von 1972 dokumentierte und als überzeugendstes Live-Dokument der Band überhaupt gilt, behaupteten Led Zeppelin fast ein viertel Jahrhundert nach ihrer Auflösung erneut ihre monolithische Stellung in der Rock-Geschichte.